Nach zwei recht stressigen Wochen melde auch ich mich zurück:
Danke Micha, ich persönlich fand deine Schilderung ziemlich eindrucksvoll

Alles Folgende ist, ich betone es noch einmal, nicht persönlich gemeint. Grund: Ich kenn euch gar nicht. Ich sage nur, was ich sehe beziehungsweise lese und was ich dabei denke. Ihr könnt daraus für euch Schlüsse ziehen, oder auch nicht, wenn ihr eigentlich zufrieden mit euren Werken seid solltet ihr auf keinen Fall tragisch nehmen, was ich so sage, im Endeffekt ist all das jedoch Eure Sache.
Zum Thema Melodie: Gedichte sind nicht rein zum Lesen und zum Zerpflücken gedacht. Gedichte sollten gelesen werden können, und zwar laut, ohne dass die Worte nur über die Zunge stolpern. Deswegen lassen sich die meisten guten Gedichte in einer Art Sprechgesang locker aufsagen, selbst die mit ungewöhnlichen Versformen oder ohne Verse.
Zum Thema ... Themen- und Wortwahl: Wenn man ein Thema auswählt, sollte man tatsächlich etwas zu sagen haben. Man kann zwar auch Orte oder Mythen besingen, doch sollte dies auf eine Art und Weise geschehen, die weniger imposante Phrasendrescherei enthält als tatsächliches Gefühl, denn nur tatsächliches Gefühl und/oder analytische Berechnung können Originalität hervorbringen.
"So unerreichbar wie der Himmel"
"Ich bin was ich bin"
sind Beispiele davon, dass das einfach nicht wirklich gegeben ist, relativ wahllos aus den bisherigen Stücken gepflückt.
Diese allgemein vorherrschende Wortimposanz gepaart mit einer gewissen Bedeutungsleere lässt sich recht schlicht mit dem Wort "Kitsch" umschreiben, nach meiner Kunstlehrerin jedenfalls. Kitsch entsteht, wenn Gefühle innerhalb weniger Minuten in möglichst schmuckvolle Worte gefasst werden sollen, so schmuckvoll, dass sie überhöht und prachtvoll glänzend oder in abgrundtiefer Zerrüttetheit dargestellt werden können, ohne, dass man wirklich das Gefühl hat, Kunst vor sich zu sehen. Oder, wie Wikipedia sagt:
Im Gegensatz zum Kunstwerk, das Spielraum für Interpretation zulässt (Interpretation sogar fordert), ist Kitsch nicht auslegbar.
Stereotypen und Klischees: Kitsch wiederholt, was dem Betrachter bereits geläufig ist. Vom Kunstwerk wird Originalität erwartet (Innovationszwang der Kunst). Per se ist Kitsch nichts unbedingt Schlechtes, denn immerhin erfreut er sich größter Beliebtheit, ist in allen bildenden Künstenv ertreten und grade bei Motiven auf Kleidern oder Taschen steh ich total auf Kitsch, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ihr das anstrebt.
Deswegen nun zu meiner Auffassung der Kunstform Lyrik:
Ein Kunstwerk, wenn man eines erschaffen möchte, braucht grundsätzlich Zeit. Wenn ihr ein Gefühl einfangen wollt, dann lasst euch wirklich Wochen oder Monate lang Zeit zur Vervollkommnung. Ein Kunstwerk legt seinen Inhalt nicht offen auf dem Präsentierteller hin, wo ihn jedermann auf den ersten Blick erkennen kann, sondern im Besten Falle versteckt er ihn gerade auf solche Weise, dass jeder Mensch in seinem Herzen ein Gefühl findet, das - bezogen auf Lyrik - den Worten des Verfassers entspricht, ohne dass der eigentliche Sinn und das ursprünglich beim Schreiben intendierte Gefühl Zwang ist. Wirkliche Lyrik beinhaltet, dass unterschiedliche Menschen in ein und demselben Gedicht unterschiedliche Wahrheiten oder Emotionen finden können, und diese Meisterleistung in eine Form zu kleiden, die sowohl melodisch ist, als auch nicht unserer üblichen Sprechweise entspricht.
Ihr habt Euch einfach was Gewaltiges vorgenommen, wenn ihr wirklich erreichen wollt, dass eure Werke denen alter oder neuerer Meister nicht nachstehen. Ich gestehe auch selber, ich könnte es vermutlich nicht besser, unter anderem, weil ich's (noch) nicht großartig versucht habe. Das ist eine Frage des Ehrgeizes, der Übung. Es gilt, vor Allem zwischen den Zeilen zu schreiben, ein Kunststück, dass Mike zum Bleistift fertig gebracht hat, das aber immens schwierig ist, wie ich finde. Es gilt, viele Leute anzusprechen und zwar auf einer emotionalen und rationalen Ebene. Es gilt, Neugierde und Interesse zu wecken und das ist alles miteinander sehr, sehr kompliziert.
All das müsst ihr keinesfalls als eure eigene Meinung übernehmen, mir ist klar, dass grade meine Auffassung, dass viel von dem, was hier gepostet wurde eher "Kitsch" als "Kunst" entspricht, als recht grob aufgefasst werden könnte, auch wenn sie definitiv nicht als Angriff gemeint ist.
Um nochmal auf Eladan persönlich einzugehen:
Das Thema deines Gedichtes ist im Grunde nicht schlecht gewählt, aber da ich nach wie vor der Meinung bin, man sollte den Lesern seine Intention nicht ins Gesicht drücken, wenn man zum Nachdenken anregen möchte, hapert's für mich an der Umsetzung. Im Grunde sind deine Worte mehr als klar, absolut eindeutig und gerade das raubt dem Ganzen den Zauber. Schlichtheit halte ich für durchaus gut, aber das hier ist so klar, dass man es ebensogut in drei Sätzen hätte ausformulieren können, anstatt es in Gedichtform zu schreiben.
Die erste Strophe kommt mir noch recht gelungen vor bezüglich der Melodie, das liest sich einigermaßen flüssig, danach wird's etwas holprig, man hat das Gefühl, du hast Worte nur umgestellt, damit sie sich reimen und ich persönlich finde die schieren Längenunterschiede zwischen den einzelnen Zeilen machen das Ganze recht steif und rauben ihm viel Leben, grade in der 2. Strophe ist das auffällig, sollte man das einfach mal laut vor sich hinlesen (was ich mitunter tue, wenn ich mich mit nem Gedicht näher befasse) wird's glaub ich schnell deutlich. Ein Versmaß vereinfacht es, eine vernünftige Melodie zu finden, insofern sind "klassische" Werke vermutlich sogar leichter zu verfassen, aber auch ein Versmaß ist kein Garant für sprachliche Eleganz.
Zum Thema moderne Gedichte erinner ich mich an eins von ingeborg Bachmann, dass wir mal in der Schule analysiert haben, ist ewig her ...
ReklameWohin aber gehen wir
ohne sorge sein ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille
eintrittIch finde das offen gestanden extrem geil, weil einfach alles stimmt, selbst die Art und Weise, in der die Melodie immer wieder absichtlich aufgerissen wird passt hinsichtlich der Bedeutung des Ganzen perfekt. Insofern soll dies als Beweis gelten, dass ich absolut nichts gegen moderne Lyrikformen habe, im Gegenteil, das ist also keine Geschmacksfrage meinerseits, sondern eher eine der Auffassung von Sprache, Lyrik und Kunst.
mfg
chukatze